Warum digitale Souveränität für Cyber Security unverzichtbar ist

Titelbild: Warum digitale Souveränität für Cyber Security unverzichtbar ist

Digitale Souveränität ist längst mehr als ein politisches Schlagwort. Sie ist eine strategische Leitplanke für eine selbstbestimmte, resiliente IT – und damit auch die Voraussetzung für ein hohes Sicherheitsniveau.

Wer sich heute mit Sicherheitspolitik in Europa beschäftigt, stößt schnell auf den Begriff der digitalen Souveränität. Aber was verbirgt sich dahinter genau? Wie hängt digitale Souveränität mit Cyber Security zusammen? Und welche Schritte können Privatpersonen und Unternehmen gehen, um „digital souverän“ zu sein?

Fehlende digitale Souveränität führt zu Cyber-Risiken

Je nach Kontext wird digitale Souveränität unterschiedlich definiert. Im Kern steht aber stets die Fähigkeit zur digitalen Selbstbestimmung. Es geht darum, dass du – ob als Privatperson, Unternehmen oder ganzer Staat – Kontrolle über deine Daten und Software behältst. 

Wenn hingegen eine hohe Abhängigkeit zu externen – oft ausländischen – IT-Infrastrukturen, Softwarelösungen und Dienstleistern besteht, ergibt sich aus Sicht der Cyber Security ein grundlegendes Problem: Die eigene IT-Basis lässt sich nicht mehr unabhängig steuern und prüfen. Sicherheit setzt jedoch Kontrolle und Transparenz voraus.

Als Folge solcher Abhängigkeiten können sich unter anderem folgende Risiken ergeben:

  • Spionage und staatliche Zugriffe

    Anbieter aus Drittstaaten unterliegen oft nationalen Gesetzen (z. B. dem US CLOUD Act oder chinesischen Geheimdienstgesetzen), die sie zwingen, Behörden Zugriff auf Kundendaten zu gewähren. In proprietärer Hardware wie Netzwerk-Routern oder geschlossener Software können zudem versteckte Zugänge (Backdoors) eingebaut sein.

  • Monopole und „Kill-Switches“

    Bei geopolitischen Spannungen können ausländische Regierungen Provider via „Kill Switch“ zwingen, kritische Dienste in bestimmten Regionen abzuschalten oder Updates zu blockieren. So verhängte im Juni 2026 zum Beispiel die US-Regierung zwischenzeitig Exportsperren für Anthropics KI-Modelle „Mythos 5“ und „Fable 5“.

  • Vendor Lock-in (Anbieterbindung)

    Wenn hohe Abhängigkeit zu einem Softwarehersteller besteht, kann dieser nach Belieben die Preise diktieren. Wird zudem solch ein System gehackt, ist ein kurzfristiger Wechsel zu einer Alternative kaum möglich.

  • Kontrollverlust bei Sicherheitsvorfällen

    Je weniger Kontrolle über die eigene Betriebsinfrastruktur und Software-Landschaft besteht, umso stärker ist man bei der Cyber-Abwehr und Forensik auf externe Anbieter angewiesen. Eigene Security-Teams müssen darauf warten, dass der Anbieter reagiert und beispielsweise einen Patch entwickelt oder Log-Daten für die forensische Analyse freigibt.

Handlungsempfehlungen für höhere digitale Souveränität

Völlige digitale Autarkie – also das komplette Entwickeln und Betreiben aller IT-Systeme im eigenen Haus oder Land – ist in der heutigen vernetzten Welt weder realistisch noch wirtschaftlich. Dennoch gibt es für Unternehmen eine Reihe von Maßnahmen, um einen höheren Grad an Kontrolle zu gewährleisten:

  • Technologische Unabhängigkeit stärken

    Wo immer möglich, sollten offene Standards und quelloffene Software genutzt werden. Der Einsatz von Open Source verhindert den Vendor Lock-in, da der Betrieb von verschiedenen Dienstleistern übernommen oder ins eigene Haus geholt werden kann. Container-Technologien wie Docker und Kubernetes helfen, Anwendungen zu einem anderen Cloud-Anbieter oder in die eigene Infrastruktur zu verschieben. Eine Zero-Trust-Architektur erschwert die Kompromittierung von Netzwerken und macht Zugriffe transparent.

  • Hoheit über die eigenen Daten sichern

    Selbst wenn die Infrastruktur von einem Drittanbieter betrieben wird, muss die Kontrolle über die Daten gewährleistet sein. Bei der Nutzung von Cloud-Diensten sollten die kryptografischen Schlüssel zur Datenverschlüsselung zwingend im eigenen Unternehmen erzeugt und verwaltet werden (Bring/Hold Your Own Key, kurz: BYOK/HYOK). Sinnvoll ist außerdem eine Datenklassifizierung: Nicht alle Daten brauchen dasselbe Schutzniveau. Kritische Daten sollten lokal (On-Premise) oder in einer hochsicheren privaten Cloud verbleiben, während unkritische Daten in der Public Cloud verarbeitet werden können (Hybrid Cloud).

  • Strategisches Lieferanten- und Risikomanagement

    Auch aus vertraglicher Sicht gilt es, Abhängigkeiten abzufedern. Hilfreich ist eine Multi-Cloud-Strategie: Anstatt alle Workloads einem einzigen Hyperscaler (wie AWS, Microsoft Azure oder Google Cloud) anzuvertrauen, sollten Dienste auf mehrere Anbieter verteilt werden. Für jeden kritischen IT-Dienst sollte vor Vertragsabschluss eine dokumentierte und idealerweise getestete Exit-Strategie vorliegen. Um Transparenz in der Supply Chain sicherzustellen, sollten Zulieferer Software Bill of Materials (SBOMs) – die Zutatenliste für Software – bereitstellen.

Auch als Privatperson kannst du gezielt auf deine digitale Unabhängigkeit achten – sei es durch die Nutzung von Open Source Software, Datensparsamkeit bei Online-Diensten oder den Einsatz eines kleinen Netzwerkspeichers (NAS) in den eigenen vier Wänden.

Fazit

Bei digitaler Souveränität geht es nicht um eine möglichst weitreichende Abschottung. In der Praxis ist es kaum möglich, beispielsweise Hyperscaler komplett zu vermeiden und auch bei Software kommt es immer wieder zu Zielkonflikten. So stammen viele der fortschrittlichsten Sicherheitslösungen – sei es die KI-gestützte Bedrohungserkennung oder das Cloud-SIEM-System – von US-amerikanischen Herstellern.

Im Mittelpunkt steht vielmehr die gezielte Verringerung von Abhängigkeiten und der bewusste Umgang mit Risiken – auch wenn dabei Kompromisse unabdingbar sind. Fakt ist: Je mehr Kontrolle du über deine Systeme hast, desto wirksamer können sie auch geschützt werden. Und genau darin liegt der enge Schulterschluss zwischen digitaler Souveränität und Cyber Security.

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Ralph-Scott Wenighofer / Chief Security Officer

Ralph-Scott Wenighofer

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